October 18, 2006 10:49 PM CEST

Handel entdeckt über 50-Jährige als Kunden

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Handel entdeckt über 50-Jährige als Kunden

Handys mit Notruftaste, Computer mit übergroßer Tastatur und Lupen am Supermarktregal - angesichts des demografischen Wandels stellen sich Industrie und Handel immer mehr auf die kaufkräftige Generation der «Neuen Alten» ein.Handelsketten entwerfen innovative Supermarktkonzepte, Auto- und Computerhersteller entwickeln seniorengerechte Modelle und auch Versicherungen und Banken stimmen ihre Produkte zunehmend auf die «Happy Enders» ab.Diese werden immer zahlreicher und waren noch nie so kaufkräftig und agil. Die Kaufkraft der Generation 50plus liegt derzeit bei durchschnittlich rund 21 000 Euro pro Kopf und Jahr, gut 2000 Euro mehr als bei den bis zu 49-Jährigen. Schon heute ist beinahe jeder vierte Bundesbürger über 60 Jahre alt. 2030 wird ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung fast ein Drittel betragen.«Die marktbestimmenden Konzerne sind bei dem Thema schon aktiv», betont Gundolf Meyer Hentschel vom gleichnamigen Institut in Saarbrücken, das sich schon seit Jahren mit dem Verhalten älterer Konsumenten beschäftigt. Der Handel stellt sich zunehmend auf das kaufkräftige Publikum ein, beobachtet auch das Eurohandelsinstitut in Köln. Die «Best Ager» seien besonders gut mit Qualität anzusprechen. Das biete der von hartem Preiswettbewerb gebeutelten Branche ganz neue Chancen. Während die Hersteller schon auf einem guten Weg seien, zeigten sich viele Händler aber noch zurückhaltend, räumt der Branchenverband HDE ein. Handlungsbedarf gebe es vor allem bei der Ladengestaltung und bei der Qualifizierung des Personals.Mit einem «Supermarkt der Generationen» stellt sich die Edeka- Gruppe auf die neue Zielgruppe ein. Die erste seniorengerechte Filiale eröffnete vor gut zwei Jahren in Chemnitz. Mittlerweile gibt es bereits zehn solcher Läden in Bayern, Sachsen und Thüringen. Die Märkte haben überbreite Gänge, rutschfeste Böden und Lupen an den Regalen sowie überall Knöpfe, mit denen Servicepersonal zur Hilfe gerufen werden kann.Auch der Handelsriese METRO testet auf die ältere Generation abgestimmte Konzepte bei Kaufhof und in seinem «Future store» in Rheinberg bei Duisburg. Außerdem setzt der Konzern so genannte «age explorer» ein, mit denen man sich in die Wahrnehmungswelt älterer Menschen hineinversetzt. Problem sei aber, dass die älteren Verbraucher oft nicht auf ihr Alter angesprochen werden wollen, sagt ein Sprecher. Der Hamburger Versandkonzern Otto bietet ein «Best-Ager»-Sortiment in seinem Hauptkatalog sowie einen Spezialkatalog mit Accessoires, Mode und Einrichtung.KarstadtQuelle hat Anbieter, die vor allem die Generation 50plus im Visier haben. Außerdem nutzen immer mehr ältere Kunden das Online-Angebot des Konzerns zum Einkaufen. «Das hängt vor allem mit bequemeren Shopping-Portalen, aber auch mit der eingeschränkten Mobilität der Zielgruppe zusammen», sagt Konzernsprecher Martin Schleinhege.Das erste deutsche Seniorenkaufhaus gibt es in Großräschen in der Lausitz. In den Räumen eines früheren Baumarktes wird seit März vergangenen Jahres nicht nur ein spezielles Sortiment angeboten - von Mode bis hin zu Spezialschuhen oder Inkontinenz-Artikeln. Auch breitere Gänge und Umkleidekabinen sowie viele Sitzmöglichkeiten zum Ausruhen sollen der älteren Generation das Einkaufen erleichtern. «Bei uns sollen sich Rentner gut aufgehoben fühlen», sagt Firmenchefin Angelika Deliga. Die Kunden kommen mit Reisebussen aus ganz Deutschland. Auf Franchise-Basis sollen weitere Filialen entstehen.Auch Computer- und Handyhersteller haben die «Best Ager» als Zielgruppe entdeckt. «Zu den größten Wachstumsfeldern zählt dabei die Telemedizin», sagt Willi Berchthold, Präsident des Branchenverbands BITKOM. Über Handys mit einer speziellen Notruftaste können ältere Menschen einen direkten Kontakt zur Rettungsstelle aufnehmen. Ein integrierter GPS-Empfänger nennt die genaue Position des Hilfesuchenden. Mit dem Telefon können außerdem jederzeit medizinische Daten wie ein automatisch aufgezeichnetes EKG an einen Arzt übermittelt werden.Ausschließlich auf ältere Kunden hat sich die Berliner Ideal-Versicherung spezialisiert. Seit 2001 werden nur noch Seniorenprodukte angeboten von der Pflegeversicherung mit Pflegeplatzgarantie bis zum Sterbegeld. Jährlich werden etwa 80 000 Neuverträge abgeschlossen. In den vergangenen Jahren wurde allein bei den Beitragseinnahmen ein Wachstum von bis zu 40 Prozent verzeichnet. «Unsere Zielgruppe ist in Deutschland auf mittlerweile mehr als 30 Millionen Menschen angewachsen», betont Sprecher Gerald Herde. Die Ideal sei daher schon längst kein Nischenanbieter mehr.

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Im "Supermarkt der Generationen" im Chemnitzer Flemminggebiet liest die 82-jährige Helene Hösel mit einer großen Lupe die Preise an den Regalen

Chemnitzer 'Supermarkt der Generationen'
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