By Anne Applebaum | January 30, 2013 9:24 PM CET

Europa: Die neue Supermacht

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Europa: Die neue Supermacht

"Ein Jahrzehnt der Kriege geht nun zu Ende", erklärte US-Präsident Barack Obama am Montag. Vielleicht stimmt das in Amerika, aber anderswo nicht. Extremisten führen immer noch ihre Terroranschläge aus, während autoritäre und autokratische Regime sich ihre Macht weiterhin durch brutale Gewalt sichern. Die Vereinigten Staaten können sich aus internationalen Konflikten zurückziehen, gelöst sind diese Konflikte deswegen noch längst nicht.

Glücklicherweise gibt es eine andere Macht, die die wirtschaftlichen und politischen Werte der USA teilt und, die über die anspruchsvolle militärische Technologie verfühgt, um den Fortschritt von fanatischen Bewegungen zu stoppen, vor allem in Nordafrika und im Nahen Osten. Diese Macht ist Europa.

Lachen Sie nicht! Ich weiß, dass noch vor einem Jahr, diese Aussage absurd gewesen wäre. Ich hätte gewiß nicht unmittelbar nach dem Krieg in Libyen 2011, als Frankreich, Großbritannien und ein Dutzend weiterer Nationen kaum in der Lage waren, einen Krieg ohne Bodentruppen gegen ein schlecht bewaffnetes unpopuläres Regime zu führen, darüber schreiben können. Unbestätigte Berichte behaupteten zu diesem Zeitpunkt, dass den Franzosen die Bomben ausgingen. Sei es wie es wolle, ohne die CIA-Intelligence und die zur Verfügung gestellte Koordination durch amerikanische Kriegsschiffe und Flugzeuge, hätten die französischen Flugzeuge nicht einmal gewusst, wo sie ihre Bomben abwerfen sollten.

Doch hier sind wir nun im Jahr 2013 und beobachteten wie die französische Luftwaffe und französische Truppen der ehemals demokratischen Regierung von Mali zu Hilfe eilen, die um ihr eigenes Überleben gegen einen fanatischen islamistischen Aufstand kämpfen muss. Darüber hinaus genießt diese französische Intervention (bisher) breite Zustimmung in der eigenen Bevölkerung. Zwar wurde öffentliche Kritik an der Logistik, an der Vorbereitung und an den Fernzielen der Operation laut, doch fast niemand in Frankreich bezweifelt die Notwendigkeit der Intervention. Kaum jemand fragt: "Warum Frankreich?"

Die Franzosen haben spezielle postkoloniale Gefühle für das frankophone Afrika (und einem französischen Freund zufolge auch für die malische Musik), und haben auf dem Kontinent seit 1960 mehr als 40 Mal militärisch interveniert.

Aber der Kontext dieser Intervention unterscheidet sich von den vielen vorherigen. Das Ziel ist nicht (oder nur teilweise) die Unterstützung einer pro-französischen Marionettenregierung, sondern vielmehr den Fortschritt von al-Kaida im islamischen Maghreb zu stoppen, wo diese brutale Organisation letzte Woche in einer algerischen Gasanlage Geiseln nahm. Mit anderen Worten, die Franzosen bekämpfen in Mali eine internationale Terrororganisation, die das Potenzial hat, Schäden in Nordafrika und vielleicht darüber hinaus anzurichten.

Vor nicht allzu langer Zeit hatten internationale Terrororganisationen dieser Art zu nächtelangen Notfallplanungs-Sitzungen im Pentagon geführt. Doch jetzt haben die Franzosen Mühe, in Washington dafür überhaupt beachtet zu werden. Einige US-Transportmaschinen halfen vor kurzem die französischen Soldaten in die Region zu verfrachten. Aber der Zeitung Le Figaro zufolge, wollten die Amerikaner für diesen Dienst bezahlt werden, was "eine Forderung ohne Präzedenzfall" darstellt.

Aber andere Europäer haben Geld und Waffenhilfe angeboten. Die Europäische Union hat die Finanzierung afrikanischer Truppen genehmigt und hilft sogar diese zu trainieren - und sie hat darin mehr Erfahrung als Sie denken. Letzten Frühling haben EU-Truppen, weit unter dem Radar der Öffentlichkeit, erfolgreich Piraten-Basen an der somalischen Küste angegriffen. "Sie zerstörten unsere Ausrüstung zu Asche", sagte ein Mann, der als "Piratenkommandant" beschrieben wurde, der Associated Press. Insgesamt hat die Europäische Union in mehr als zwei Dutzend Konflikten militärisch eingegriffen. Nicht ganz so viel wie die Franzosen seit 1960, aber doch immerhin auf dem Weg dorthin.

Noch eine Reihe von Hindernissen müssen überwunden werden, bevor sich die Europäische Union als neuen Weltpolizist behaupten kann. Obwohl die kombinierten europäischen Militärausgaben die EU zur weltweit zweitgrößten militärischen Macht erhebt, reicht das noch nicht für nachhaltige Konflikte. Einige Europäer, vor allem die Deutschen, müssten zuerst ihre Abscheu vor militärischen Konfrontationen, die sie seit dem Zweiten Weltkrieg plagen, überwinden. Andere Europäer, vor allem die Briten, müssten davon überzeugt werden, wie andere geschlossen haben, dass die Amerikaner einfach nicht mehr so sehr an der NATO interessiert sind. Eine zusätzliche Komplikation entstand letzte Woche als der britische Premierminister David Cameron seine Absicht ankündigte, die Beziehungen seines Landes zur Europäischen Union neu zu verhandeln. Allerdings würde ein Brexit die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Außen- und Verteidigungspolitik eher weniger unterstützen.

Das sind große Hindernisse. Aber was ist die Alternative? Wenn Amerika den "Frieden in unserer Zeit" genießen will - ein Ausdruck der sowohl von Barack Obama als auch damals von Neville Chamberlain gebraucht wurde - während der Rest der Welt weiterhin Krieg führt, dann muss irgend jemand das Vakuum füllen. Ein Blick auf die anderen Kandidaten - China, Russland, vielleicht Qatar oder ein anderer Golfstaat - zeigt uns wie es in der Welt wirklich aussieht, und lässt uns sofort mit der logistischen und moralischen Unterstützungen beginnen. Europa mag nicht die beste nächste Supermacht sein, doch es ist die einzige, die uns geblieben ist.

French soldiers on Monday at the Malian Army’s air base in Bamako.

Anne Applebaum für The Washington Post

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