By Roger Baettig | July 20, 2011 9:35 AM CEST

Euro-Schuldenkrise: auch Frankreich wankt

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Euro-Schuldenkrise: auch Frankreich wankt

Oft wird in der Schuldenkrise Europas das Fehlen von Führung bemängelt. Damit gemeint ist der deutsch-französische Integrationsmotor der momentan vor sich herstottert. Einer der Gründe liegt darin, dass Frankreich als Stabilitätsanker weitgehend ausfällt. Das Land hat zurzeit seine eigenen Sorgen und Nöte. Der Wirtschaft geht es heute schlechter als beim Amtsantritt von Staatspräsident Nicolas Sarkozy 2007.

Frankreich Patrouille de France

Auf den ersten Blick steht Frankreich wirtschaftlich recht gut da. Allein innerhalb des ersten Quartals 2011 stieg die Wirtschaftsleistung (BIP) um 1 %, wie die europäische Statistikbehörde im Juni mitteilte. Die EU-Kommission rechnet in Frankreich bis 2013 mit einem jährlichen BIP-Wachstum zwischen 1,6 und 2 %.

Sarkozy startete vor 4 Jahren als Hoffnungsträger, dem eine Liberalisierung der Wirtschaft zugetraut wurde, doch jetzt ist Ernüchterung eingekehrt. Besonders beunruhigend für die Pariser Regierung ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen ist das Thema Erwerbslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit ist auf 2,7 Mio. gestiegen. Zusammen mit denjenigen, die nur wenige Stunden in der Woche beschäftigt sind liegt, liegt die Zahl der Arbeitslosen sogar bei über 4 Mio.

Bislang hat es die französische Regierung nicht geschafft, eine konsequente Haushaltssanierung einzuleiten. Bis zum Jahr 2012 wird der Schuldenstand voraussichtlich von 82,3 auf 86,9 % des BIP steigen.

Dass die französische Wirtschaft trotz aller Probleme 2011 um rund 2,1 % wachsen dürfte, liegt überwiegend am ordentlichen Konsum. Gleichzeitig steuert Frankreich 2011 auf einen neuen Rekordfehlbetrag im Außenhandel zu. Innerhalb der vergangenen 12 Monate lag das Defizit bei 61 Mrd. Euro. Hinter all den Sorgen steht das Problem der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit. Vor allem Industriegüter aus Frankreich sind auf den Weltmärkten zur Zeit kaum gefragt. Dazu kommt, dass die Löhne in den vergangenen Jahren im Vergleich zur Produktivität stark gestiegen sind.

In Deutschland hat man längst angefangen, sich über die Situation im Nachbarland Sorgen zu machen. Der Ex-Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, spricht Frankreich ab, zu den stabilitätsorientierten Ländern der Euro-Zone zu gehören. Paris werde die Bonitäts-Bestnote AAA verlieren. "Auch Frankreich ist nicht mehr wettbewerbsfähig", so Henkel im Juni in Berlin (EurActiv.de vom 15. Juni 2011).

Das Centrum für Europäische Politik (CEP) hat angesichts der "existentiellen Krise" der Euro-Zone einen "Default-Index" (Juli 2011) entwickelt, "mit dem sich die Erosion der Kreditfähigkeit der betroffenen Euro-Länder aufzeigen lässt". Frankreich findet sich unter den Ländern mit einem negativem CEP-Default-Index, in der zweithöchsten Risikokategorie, gemeinsam mit Italien und Spanien.

CEP-Experte Matthias Kullas, einer der Autoren der Default-Index-Studie, hält es für besonders problematisch, dass in Frankreich seit Jahren die Sparquote sinkt. Hätten die Franzosen im Jahr 2001 noch 8,7 % ihres BIP gespart, seien es im vergangenen Jahr nur noch 0,9 % gewesen. Gleichzeitig sei die Investitionsquote seit 2007 konstant gesunken. "Nimmt man beides zusammen, lässt sich daraus schließen, dass ein immer größerer Anteil des BIP für Konsum verwendet wird. Das heißt Frankreich nimmt Kredite im Ausland auf, um seine Konsumbedürfnisse zu befriedigen", so Kullas.

Deutschland hat seinen französischen Nachbarn bei der Wettbewerbsfähigkeit mittlerweile abgehängt. Grund sind zahlreiche Arbeitsmarktreformen seit 2003 und die gleichzeitige Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften. Dies hat die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erhöht und zahlt sich nun aus.

Quellen:
http://www.euractiv.de/finanzplatz-europa/artikel/wettbewerbsfaehigkeit-deutschland-hat-frankreich-abgehangt-005112
http://de.euronews.net/2011/07/19/frankreich-ist-auf-gefaehrlichem-weg/

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