By Roger Baettig | June 11, 2011 2:44 PM CEST
Bradley Manning - Wenn die Enthüllung eines Verbrechens zum Verbrechen wird
Bradley Manning - Wenn die Enthüllung eines Verbrechens zum Verbrechen wird
Seit einem Jahr sitzt der mutmaßliche Wikileaks-Informant Bradley Manning in Untersuchungshaft, im Extremfall droht ihm die Todesstrafe. Doch die Zahl seiner Anhänger wächst - sie fordern nun, dass der Prozess gegen den "amerikanischen Helden" endlich beginnt.

In Deutschland kennt jeder Julian Assange, den Gründer von Wikileaks. Doch Bradley Manning, ein 23-jähriger Gefreiter und Nachrichtenanalyst der US-Armee, der seinen Zugang zu vertraulichen Quellen nutzte und offenbar über 250.000 Dokumente an Wikileaks geliefert hatte, kennt kaum jemand.
Am 26. Mai 2010 wurde Bradley Manning verhaftet und zunächst 2 Monate in Kuwait inhaftiert und dann in das Militärgefängnis der Marinebasis Quantico in Virginia überstellt. Zunächst dem Vorwurf des Geheimnisverrats ausgesetzt, erweiterte das Militär die Anklagen im März erheblich: Nun gibt es insgesamt 38 Anklagepunkte, unter anderem "Hilfe für den Feind". Der Vorwurf der Kollaboration mit dem Feind kommt einem Todesurteil gleich. Zwar ließen die Militärstaatsanwälte wissen, dass sie ein Todesurteil nicht beantragen wollen. Die Entscheidung darüber trifft allerdings das Militärgericht.
Manning meldete sich freiwillig zum US-Militär und erhielt im Herbst 2009 den Marschbefehl nach Irak, offenbar weil Soldaten mit guten Computerkenntnissen gefragt waren. Dreh- und Angelpunkt der Anklage dürfte ein Online-Chat sein, den ein Chatter unter dem Pseudonym "Bradass87" (Manning ist Jahrgang 1987) mit dem Hacker Adrian Lamo, einer Berühmtheit im US-Cyber-Underground, im Mai vergangenen Jahres geführt hatte. Darin bekannte sich "Bradass87" dazu, "das wahrscheinlich größte Datenleck in der amerikanischen Geschichte" verursachen zu wollen. Außerdem sprach er davon, Kontakt zu einem Australier, einem "weißhaarigen Kerl", zu haben - eine Beschreibung, die auf Julian Assange, den Gründer von Wikileaks, passen würde. Lamo ging daraufhin zur US- Bundespolizei FBI, die nach wenigen Tagen die Festnahme Mannings veranlasste. Die Spuren der Online-Konversation haben Militärermittler nach Informationen der Washington Post sowohl auf Lamos wie auf Mannings Laptop entdeckt. (1)
Mannings Anwälte fechten die Grundlage eines künftigen Prozesses an, indem sie bezweifeln, dass es zu einem fairen und ordentlichen Gerichtsverfahren kommen wird. Denn US-Präsident Barack Obama hatte ihn bereits vorverurteilt, als er Ende April feststellte, Manning habe "das Gesetz gebrochen". "Präsident Obama ist der Oberkommandierende der Streitkräfte", sagt Anwalt Kevin Zeese. Seine Feststellung sei eine ungebührliche Beeinflussung der Angehörigen des Militärgerichts durch ihren obersten Vorgesetzten.
Aber vom US-Rechtssystem ist die Welt schon einiges gewohnt. Seit einem Jahr sitzt Manning ohne Anklage im Gefängnis. Obwohl nicht nachgewiesen wurde, dass Manning die Quelle der Dokumente ist und obwohl er noch keinem Richter vorgeführt wurde und nicht rechtskräftig verurteilt ist, sass er bis vor kurzem unter menschenverachtenden Bedingungen in Untersuchungseinzelhaft im Militärgefängnis in Quantico, Virginia.
Mit der Behauptung der Armee, er sei selbstmordgefährdet, musste er jeden Tag 23 Stunden in seiner Zelle verbringen. Er durfte tagsüber nicht schlafen aber nachts schaut die Wache alle 5 Minuten vorbei. Wegen angeblicher Suizidgefahr wurde ihm die Kleidung weitgehend abgenommen. Er musste nackt schlafen und sich beim Morgenappell nackt präsentieren. Es wurde ihm jede Art sportliche Betätigung untersagt.
Einen Appell, der die menschenunwürdigen Haftbedingungen anprangerte, unterstützten immerhin Zehntausende. Amnesty International wie auch prominente US-Juristen schalteten sich ein. Das zeigte Wirkung. Am 20. April wurde Bradley ins Militärgefängnis Fort Leavenworth in Kansas verlegt, wo die Armee verspricht, dass er wesentlich humanere Behandlung erhalten wird.
Auch von offizieller Seite gab es Kritik an den mittelalterlichen Haftbedingungen: Bradley Mannings Haftbedingungen erfüllten den Tatbestand der Folter. Philip J. Crowley, ehemaliger Sprecher der US-Außenministerin Hillary Clinton, erklärte, dass Manning „falsch behandelt" werde. „Was mit Manning passiert, ist lächerlich, kontraproduktiv und von Seiten des Verteidigungsministeriums schlicht dumm". Wenige Tage später musste Crowley den Hut nehmen. Nicht nur er wertet jetzt die Verlegung als Bestätigung seiner Kritik.(2)
Manning hatte neben den 250.000 Dokumenten auch ein brisantes Video an Wikileaks geleitet, welches unter dem Namen „Collateral Murder" Video traurige Berühmtheit erlangte. Es zeigt 2 US Apache Kampfhubschrauber im Einsatz, aus denen heraus am 12. Juli 2007 im Irak willkürlich mehr als 12 Zivilisten mitsamt 2 Mitarbeitern der Nachrichtenagentur Reuters getötet wurden. (3) Vergeblich hatte Reuters die Herausgabe des Videos gerichtlich zu erzwingen versucht.
(1) http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-informant-bradley-manning-held-hinter-gittern-1.1107592
(2) http://www.bradleymanning.de/2011/05/bradley-manning-%E2%80%93-wikileaks-whistleblower/#more-17
(3) http://www.youtube.com/watch?v=to3Ymw8L6ZI&feature=related
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