December 19, 2010 4:54 PM CET

Merkel spricht von Krieg in Afghanistan

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Merkel spricht von Krieg in Afghanistan

Die Bundeswehr kämpft nach Einschätzung von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Afghanistan in einem Krieg.
Wenige Tage vor Weihnachten nutzte Merkel am Samstag einen Überraschungsbesuch bei der Truppe am Hindukusch dafür, den lange Zeit heruntergespielten Einsatz "beim Namen zu nennen", wie sie sagte. "Das ist natürlich ein Krieg innerhalb des Landes", sagte sie. "Das Erlebnis der Soldaten unterscheidet sich nicht von kriegsähnlichen Zuständen."

Die Botschaft kam an: Die Soldaten äußerten sich erfreut über die Unterstützung ihrer Regierungschefin, zumal sie nach der umstrittenen Reise von Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg und seiner Ehefrau Anfang der Woche in diesem Jahr nicht mehr mit einer weiteren derartigen Unterbrechung ihres Einsatzalltags gerechnet hatten.

"Wenn man sich mit der Realität unserer Soldaten befasst, ist das eben in der Region Kundus so, dass sie in wirklichen Gefechten stehen - so wie Soldaten das in einem Krieg tun", sagte Merkel im Bundeswehr-Feldlager Masar-i-Scharif. "Ich finde, das sollte man beim Namen nennen." Auch in ihrer Rede vor den in Kundus stationierten Soldaten schloss sie sich der lange verpönten Einschätzung an: "Wir haben hier nicht nur kriegsähnliche Zustände, sondern sie sind in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat", sagte Merkel. "Das ist etwas, was wir bisher nur aus Kriegsbüchern kannten", erklärte sie nach Gesprächen mit Einsatzkräften, die vor kurzem bei Gefechten südlich von Kundus drei Kameraden verloren hatten.

Wenige Stunden vor Merkels Besuch kam ein weiterer deutscher Soldat ums Leben. Der 21-jährige Hauptgefreite erlag Schussverletzungen, die er auf einem Außenposten im Norden erlitten hatte. Der Zwischenfall werde noch untersucht, teilte das Einsatzführungskommando in Potsdam mit. Damit sind inzwischen 45 Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan getötet worden.

Merkel gedachte der Opfer gemeinsam mit Guttenberg und dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, im Ehrenhain des Feldlagers Kundus. In ihrer Rede in der Kantine dankte sie den Soldaten für ihre Entscheidung für Afghanistan. "Ohne sie können wir nicht so sicher leben, wie wir es tun, und das muss man den Menschen auch immer wieder sagen", erklärte sie. Der Bundestag muss das Mandat für den Einsatz bis Februar verlängern. Derzeit sind knapp 4700 Soldaten am Hindukusch stationiert.

KANZLERIN LOBT BESUCH DES EHEPAARES GUTTENBERG

Merkel stellte sich für ihre kurze Rede in der Feldküche vor einen traditionell bunt geschmückten Weihnachtsbaum. Die Stirnwand der Kantine war mit Basteleien und Kinderzeichnungen behängt, die die Soldaten von ihren Familien erhalten haben. Die Kanzlerin setzte sich mit den Einsatzkräften zum Mittagessen an den Tisch und suchte auch im sonnigen Innenhof das Gespräch. Die Männer und Frauen freuten sich: "Es schafft Vertrauen, dass sie bei uns ist, auch jetzt vor der Weihnachtszeit", sagte ein Soldat. "Es zeigt einfach, dass man den Leuten nicht egal ist", meinte auch ein anderer. "Ein Stück weit wird auch Anerkennung gezeigt, dass sie halt nicht nur im sicheren Deutschland sitzen."

Nach dem skeptischen Fortschrittsbericht der Bundesregierung aus der vergangenen Woche pochte Merkel in einem Gespräch mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai auf die Bedeutung einer guten Regierungsführung, um das Land zu befrieden. Karsai sagte, das Treffen sei "gut und konstruktiv" gewesen. Merkel habe das Thema Korruption nicht angeschnitten. Nach einem Treffen mit dem Chef des gesamten Nato-Einsatzes, US-General David Petraeus, und Vertretern der regionalen Regierung stellte die Kanzlerin "doch auch Erfolgspunkte" in den jüngsten Entwicklungen fest. Sie bekräftigte die Aussichten darauf, im kommenden Jahr mit einem Abzug der Bundeswehr zu beginnen. "Wir werden versuchen, das 2011 zu tun", sagte sie.

Nicht zuletzt nutzte Merkel die Gelegenheit, ihren Minister gegen Kritik an seinem jüngsten Auftritt mit Ehefrau zu verteidigen: Sie bewerte den gemeinsamen Besuch der Guttenbergs als außerordentlich positiv, erklärte sie und scherzte: "Der Minister wird das nicht jede Woche haben, dass er mit zwei Frauen in einer Woche nach Afghanistan fahren kann."

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