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«Die Prävention muss im Kindergarten anfangen»



Von AP
26. Dezember 2008, 12:04 CET

Nach dem Anschlag auf den Passauer Polizeichef Alois Mannichl fordern viele Politiker und Verbände, verstärkt gegen Rechtsextremismus vorzugehen. Die Prävention sollte nach Ansicht des Münchner Aggressionsforschers Klaus Wahl vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) nicht erst bei Jugendlichen beginnen, sondern schon im Kindergarten und in der Grundschule.


Rechtsextremismus dji ap
«Die Prävention muss im Kindergarten anfangen»

Ausländerfeindliche Einstellungen sind in Deutschland weit verbreitet: Jeder fünfte Bundesbürger pflichtet laut einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fremdenfeindlichen Parolen bei. Während solche Meinungen demnach in den alten Bundesländern immer weniger Zustimmung finden, stoßen sie in Ostdeutschland offenbar zunehmend auf offene Ohren. Dort teilt inzwischen fast jeder Dritte eine ausländerfeindliche Haltung.

Gerade bei jungen Menschen beobachtet Peter Rieker aus Halle einen auffälligen Wandel. «Im Gegensatz zu früher sind Jung- und Erstwähler inzwischen eine zentrale Wählerschicht rechtsextremer Parteien», sagt der Soziologe. «Sie stellen seit dem Jahr 2000 bei allen Wahlerfolgen rechter Parteien die teils mit Abstand stärkste Gruppe.» Hätte das Wahlverhalten junger Männer zwischen 18 und 24 Jahren bei der Bundestagswahl 2005 den Ausschlag gegeben, hätte die NPD die Fünf-Prozent-Hürde übersprungen und säße nun im Bundestag.

Schlägertrupps im Osten besonders aktiv

In den neuen Ländern votierten sogar 9,5 Prozent der männlichern Jungwähler für die extremistische Partei. Parallel dazu sind in Ostdeutschland auch rechte Schlägertrupps besonders aktiv. Diesen Trend begründen manche Forscher mit dem autoritären Erbe der DDR, andere verweisen auf den radikalen Umbruch nach der Wende.

Wahl glaubt nicht, dass allein soziale Faktoren wie etwa Angst vor Arbeitslosigkeit das Phänomen erklären. Die Lebensläufe rechter Gewalttäter zeigen dem Forscher zufolge, dass die Lust am Prügeln meist lange vor der Entstehung eines politischen Weltbildes zutage tritt. «Die Aggression zeigt sich schon in der frühen Kindheit», sagt er. «Viele Gewalttäter waren schon im Kindergarten auffällig, viele haben früh Probleme im Umgang mit Menschen, die ihnen fremd sind.» Rechte Ideologien spielen in diesem Alter noch keine Rolle. Die unheilvolle Allianz aus Gewaltbereitschaft, Fremdenfurcht und autoritärer Ideologie entsteht erst ab der Pubertät.

Die Ursache des hohen Aggressionspotentials sieht Wahl in einem komplexen Zusammenspiel von Erbanlagen und Umweltfaktoren. Biografien rechter Schläger zeigen, dass viele aus Familien stammen, in denen ein fremdenfeindliches und aggressives Klima herrscht. Häufig seien sie ohne leiblichen Vater aufgewachsen oder mit einem neuen Freund ihrer Mutter nicht zurechtgekommen, sagt Wahl.

Sockel von fünf Prozent bleibt auch später aggressiv

Die Neigung zum Randalieren fällt demnach zwar meist schon im Kindergarten auf, rechtsextreme Parolen kommen aber erst im Alter von etwa zwölf Jahren dazu. In dieser Phase hält Wahl solche Pöbeleien vor allem für Provokation, ohne dass die Kinder die inhaltliche Tragweite verstehen. «Sie wissen aber schon genau, welche Tabus sie brechen müssen, um die Erwachsenen auf die Palme zu bringen», sagt der Forscher.

Die Bedeutung der Ideologie steige ab der Pubertät. «In dem Alter werden psychische Auffälligkeiten zu politischen Überzeugungen», betont Wahl. «Vor allem im Freundeskreis wird das eigene Weltbild geformt.» Die rechtsextreme und fremdenfeindliche Ideologie dient dabei als Legitimation für das Ausleben der eigenen Aggressivität. Den Höhepunkt erreicht die Gewaltbereitschaft typischerweise zwischen 15 Jahren und dem jungen Erwachsenenalter. Lediglich ein Sockel von etwa fünf Prozent bleibe auch später noch ausgesprochen aggressiv. «Auf diese Gruppe entfällt die Hälfte der Gewaltdelikte», sagt Wahl.

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