Japanische Arbeiter verarmen, Einkommensschere klafft immer weiterVon AP
28. November 2008, 12:12 CET In einer der reichsten Nationen der Welt ist Junpei Murasawa ein armer Mann. Er lässt Mahlzeiten aus, um Geld zu sparen. Der Junggeselle lebt in Tokio in einem winzigen Zimmer. Küche, Toilette und Dusche teilt er sich mit neun Nachbarn. Krankenversichert ist er nicht, weil er sich die Beiträge nicht leisten kann. Der 29-Jährige gehört zur wachsenden Schicht armer Arbeiter in Japan. ![]()
Um sagenhafte 40 Prozent explodierte nach Regierungsangaben zwischen 2002 und 2006 die Zahl der Japaner mit einem Jahreseinkommen von umgerechnet weniger als 15.250 Euro. Inzwischen gibt es mehr als zehn Millionen von ihnen.
In einem Land, dessen Bevölkerung die weltweit höchste Lebenserwartung hat, und wo junge Frauen mit Designertaschen die Gehsteige überfüllen, spricht Murasawa von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung: «Jeden Tag lebe ich in großer Furcht», sagt der Leiharbeiter, der derzeit umgerechnet rund 686 Euro pro Monat als Einpackhilfe in einem Baumarkt verdient und damit gerade soviel, dass er keine staatliche Unterstützung bekommt. «Wenn ich nachts an meine Zukunft denke, finde ich keinen Schlaf.»
Dabei wird sich das Schicksal der armen Arbeiter wahrscheinlich noch verschlimmern, wenn die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise auch die japanische Wirtschaft weiter erschüttern wird.
Einkommensschere wie noch nie
Der Anstieg der Armut unter den Arbeitern ist ein Schock in einem Land, das sich einst damit brüstete, eine Bastion wirtschaftlicher Gleichberechtigung zu sein. «Eine sich derart ausweitende Einkommensschere gab es in Japan noch nie», sagte Yoshio Sasajima, Ökonom an der Tokioter Meiji Gakuin Universität. «Unsere Gesellschaft wird eindeutig zur Klassengesellschaft.»
Die Ursachen dieser Veränderungen liegen im Platzen der sogenannten «Wirtschaftsblase» in den frühen 1990er Jahren. Als damals die Tokioter Börse abstürzte und große Vermögen auslöschte, kam es zu vielen Entlassungen. In den 2000er Jahren folgten eine Reihe von Reformen zur Liberalisierung der Märkte, die die Unterschiede zwischen Arm und Reich noch vergrößerten.
Ein Hauptgrund für das Anwachsen der Zahl der armen Arbeiter war die Explosion der Leiharbeit. Als Teil der Arbeitsmarktreformen erleichterte es die Regierung 2004 Unternehmen, Leiharbeiter anzustellen, woraufhin ihre Anzahl bis 2007 um 40 Prozent auf 1,33 Millionen anstieg. «Statt teure Vollzeitbeschäftigte einzustellen, holen sich die Unternehmen billigere Zeitarbeiter als Teil ihrer Anstrengungen, Kosten zu senken», sagt der Wirtschaftswissenschaftler Yasuyuki Iida von der Komazawa Universität in Tokio.
Schlafen im Internetcafé
Die immer größere Zahl der armen Arbeiter fordert schon ihren Tribut von der japanischen Gesellschaft: Immer mehr Menschen verschieben geplante Hochzeiten und verschärfen damit die ohnehin sinkende Geburtenrate. Zeitarbeiter, die sich keine Wohnungsmiete mehr leisten können, schlafen in 24-Stunden-Internetcafés. Einige gehen nicht mehr zum Arzt, weil sie es sich schlicht nicht leisten können.
Murasawa ist ein typischer Vertreter dieser neuen Klasse. Er wuchs in der ländlichen Yamaguchi-Präfektur rund 700 Kilometer westlich von Tokio auf. Seine Eltern betrieben ein kleines Gemüsegeschäft, und weil er sich ein Universitätsstudium nicht leisten konnte, begann er nach der Schule in dem Laden zu arbeiten. Vor zwei Jahren zog er in der Hoffnung auf einen gut bezahlten Job in die Hauptstadt. Was er fand war aber nur eine Reihe von kurzzeitigen Anstellungen, die ihm gerade das Überleben sicherten. «Manchmal frage ich mich, wozu ich überhaupt lebe», sagt er. «Ich habe aufgehört, auf die Zukunft zu hoffen. Heiraten scheidet aus Geldmangel aus.»
Marxistischer Roman ist Überraschungs-Bestseller
Diese Hoffnungslosigkeit wird immer mehr zum Allgemeingut: Überraschungs-Bestseller des Jahres ist der 1929 geschriebene marxisitische Roman «Das Krabbenfabrikschiff» des Kommunisten Takiji Kobayashi. Der Autor, der 1933 in einem Tokioter Gefängnis unter Polizeifolter starb, schildert darin die höllischen Arbeitsbedingungen der Schiffsarbeiter unter einem sadistischen Kapitän. Seit Anfang des Jahres wurde das Buch mehr als 500.000 Mal verkauft, nachdem der Verlag Shinchosha in Werbekampagnen das Leid der Arbeiter auf dem Fabrikschiff mit dem der arbeitenden Armen im modernen Japan verglichen hatte.
«Das Buch scheint den Nerv der neuen Armen getroffen zu haben, die spüren, dass ihr Leben nicht besser wird, so sehr sie sich auch anstrengen», sagt Verlagssprecher Tsutomu Sasaki. Rund 30 Prozent der Leser sind nach seiner Schätzung junge Männer in ihren 20ern. Copyright 2009 The Associated Press. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Material darf nicht veröffentlicht, übertragen, umgeschrieben oder weiterverbreitet werden.
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